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Vorwort: Anetta Kahane
ausländerfeindlicher Übergriffe im Osten und Westen Deutschlands ist es nicht mehr so leicht, in aller Unschuld einen interkulturellen Kalender herauszugeben. Wie können wir sicher sein, daß nicht einem unserer Nachbarn Gewalt angetan wird, nur weil er anders ist? Und wenn es geschieht, wie ist es dann möglich, am Tag danach in aller Naivität wieder auf den Kalender zu schauen, um zu sehen, welchen Feiertag es irgendwo auf der Welt gibt und wie zum Beispiel der jüdische Versöhnungstag Jom Kippur in den Familien begangen wird? Die Öffentlichkeit hat der Schule, der Erziehung und dem Umgang mit Jugendlichen bei der Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit in letzter Zeit eine große Bedeutung eingeräumt. Dies hat zwei Seiten. Einerseits ist es sehr wichtig, daß sich die Bürger dafür interessieren, welches die Werte und Regeln sind, die der Staat den Kindern beibringt. Andererseits kann der geschärfte Blick auf die Schule und ihr Umfeld die Gesellschaft keinesfalls entlasten. Es ist unglaubwürdig, an einer Stelle Verantwortung zu suchen, wenn sie an anderen Stellen geleugnet oder nicht wahrgenommen wird. Die Verständigung zwischen den Kulturen kann weder Ungerechtigkeit Ausländern gegenüber ungeschehen machen noch das leisten, was die Politik versäumt, um fremdenfeindliche Gewalt zu bekämpfen. Interkulturelles Lernen kann nicht wie eine Nettigkeit von Lehrern oder Jugendsozialarbeitern behandelt werden, sondern ist ein Gebot unserer Zeit. Was hier geleistet wird, ist ein Vorgriff auf Haltungen, die in Zukunft die ganze Gesellschaft einnehmen muß. Deutlich zu machen, daß als einer ihrer Werte, als ihr Reichtum, auch der innere Frieden geachtet werden sollte, wird viel Mühe kosten. In unserer Zeit großer weltweiter Probleme mit Ökologie, Wirtschaft, Armut und Migration gibt es keine Alternative zum friedlichen Zusammenleben im eigenen Lande. Die Kriege in unserer Nachbarschaft belegen dies. Es darf kein Luxus von einigen engagierten Lehrern und Sozialpädagogen mehr sein, sich um diesen Wert zu sorgen. Die Erziehung zum Respekt zwischen den verschiedenen Kulturen täuscht weder Harmonie vor noch läßt sie den Geist eines Pioniernachmittags zum Thema Völkerfreundschaft wieder aufleben. Im Leben möglich zu machen, daß Gemeinsames wie Trennendes mit Interesse und Gelassenheit wahrgenommen werden kann, ist die Aufgabe interkultureller Erziehung. Was kann da ein Kalender zum Beispiel mit der Geschichte des Jom Kippur ausrichten? Während sich Spannungen und Gewalt um uns herum wie eine Infektion zu verbreiten scheinen, ist Lernen, und das bedeutet sich vertraut machen mit dem Neuen, dem Fremden, dem Anderen, wahrscheinlich die einzige Medizin für den einzelnen. Den frommen Juden zum Beispiel gilt das Lernen und die immer bestehende Möglichkeit zur Umkehr als eine der wichtigsten Lebensregeln. Beide sind nicht zur bloßen inneren Einkehr gedacht, sondern zum Nutzen und Erhalt der Gemeinschaft. Das Ziel aller mitzwot, das heißt der Einhaltung der Gebote, der guten Taten sozusagen, ist es, den Menschen heil zu machen. Die Heiligkeit des Lebens steht an erster Stelle. Das Lernen dient der Versicherung eines Menschen darüber, was richtig und falsch, was gut und böse ist. Dies sei nicht so einfach, meinen die Juden, denn Leben ist Vielfalt, mit all seinen »einerseits und andererseits«. Die Umkehr soll gerade nicht nur eine Abwendung von der Welt und eine Hinwendung zu eigener selbstgenügsamer Religiosität bedeuten, sondern das Besinnen auf sich selbst und auf die eigene Kraft. Wenn einer nun seinem Nachbarn einen Schaden tut, das heißt, ihn verletzt, beleidigt oder seine Schwäche zum eigenen Vorteil ausnutzt, so ist es eine Sache, diesen Fehler zu erkennen. Er braucht dazu die Kenntnis, die Bildung des Geistes und des Herzens, das Lernen eben. Hat er es verstanden, dann heißt Umkehr, dieses Wissen praktisch und im Interesse der Gemeinschaft anzuwenden ... und sich beim Nachbarn zu entschuldigen. Umkehr ist nicht eine an Gott oder ins eigene Innere gerichtete Reue, sondern die Pflicht, sein Tun zu überdenken, und die Chance, nach der Entschuldigung beim nächsten Mal anders zu handeln. Wie wichtig dieser Gedanke für die gesamte jüdische Religiosität ist, zeigt sich daran, daß dies dem Sinn des höchsten und heiligsten aller Feiertage, dem Versöhnungstag Jom Kippur entspricht. Aus einem sehr ernsten, schweren, ja erschütternden Ritual heraus entsteht die Möglichkeit, alles neu zu sehen und zu empfinden. Versöhnung steht hier nicht für Vergebung, sondern für Respekt und die eigene Verantwortung für ihn. Das Befinden unseres Nachbarn ist also nicht etwas, mit dem wir nichts zu tun haben. Selbst wenn ihm von unbekannter Hand Gewalt angetan wurde, selbst wenn schützende Gesetze fehlen, gibt es für jeden die Möglichkeit zu handeln. Interkulturelles Lernen bedeutet die Einführung der Regeln des Respekts in der eigenen Nachbarschaft und Familie, bedeutet Lernen, um Respektlosigkeit zu verrneiden. Es ist, wie das jährliche Versöhnungsfest, eine dauernde und ernste Aufgabe. Interkulturelles Lernen kann eine Alternative zu zynischem Desinteresse sein. Wie das Lernen in Thora und Talrnud bringt es gleichzeitig Spaß und Vergnügen, die Dinge von allen Seiten zu betrachten, aus der gewohnten Reihe zu tanzen und das tägliche Leben mit all seinen Tücken in sein Tun einzubeziehen. Kurz nach dem Beginn des jüdischen Jahres können wir auf dem interkulturellen Kalender den Jorn Kippur entdecken. Er steht gleich am Anfang, nicht als Vorsatz, sondern als Aufgabe. Es wäre eine schöne Vorstellung, wenn Kinder, Lehrer und Eltern die Schönheit und den Ernst des Jorn Kippur auch durch unseren Kalender verstehen lernen und ihn heute, gleich, ob jüdisch, christlich oder muslimisch, wie eine mitzwa, ein Gebot für den Respekt, als eine Chance für den Nachbarn und sich selbst begreifen. |
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