Mehr Rezepte, Geschichten, Bilder und Anregungen enthält die Broschüre Feste der Weltreligionen, Interkulturelle Beiträge Nr. 6



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30. 3. – 6. 4. 2010 - Pessach
Jüdisches Frühlingsfest zur Erinnerung an die Rettung Israels aus ägyptischer Sklaverei; im Andenken an die schnelle Flucht werden keine gesäuerten Speisen gegessen, an den beiden ersten Abenden finden feierliche Abendmahle („Seder“) statt, an denen die Geschichte des Exodus (Auszug aus Ägypten) bei besonderen Speisen (z.B. Mazza – ungesäuertes Brot) rituell nachvollzogen wird

Info
Pessach ist das erste der drei Wallfahrtsfeste. Als achttägiges Fest beginnt es am Vorabend mit dem Seder: Die Familie gedenkt bei einem gemeinsamen Mahl des Auszugs aus Ägypten. Während des Seders wird die Haggada, eine Sammlung von Gebeten und Gesängen, verlesen. Im Mittelpunkt steht das Lied, das der Jüngste am Tisch singt. Jede Generation soll sich so betrachten, als wäre sie selber aus Ägypten geführt worden. Acht Tage wird Mazza, ein ungesäuertes Brot, gegessen. Denn durch den plötzlichen Aufbruch aus Ägypten war es nicht möglich, den Brotteig vor dem Backen zu säuern. Das Verbot, Gesäuertes zu genießen, es sogar zu besitzen, ist ein Hauptmerkmal dieses Festtages.

Eine Geschichte
Einmal hatte ich einen Traum, Barbara Honigmann
An irgendeinem Tag habe ich die kleine, einzige Berliner Synagoge gesucht und habe sie in einem Hinterhof in der Mitte der Stadt, dort, wo sie wirklich am dichtesten und am schlimmsten ist, gefunden. Die Synagoge war festlich geschmückt, denn es war der Sederabend, der erste Abend des Pessachfestes, und es hieß, daß viele kommen würden. Aber wir saßen in einem ganz kleinen Raum, ich dachte, wie ein Klassenzimmer, und die paar Leute, die da waren, saßen zusammen wie die Schüler einer Schulklasse, von der die meisten noch nicht aus den Sommerferien zurückgekehrt sind. Ich fühlte mich fremd und fühlte mich doch willkommen.
Ich setzte mich zu den Frauen nach hinten, wir saßen ganz eng zusammen, und ich nahm ein Buch wie die anderen und schlug es von hinten auf und blätterte rückwärts und stieg mit den anderen zurück bis in die alte Zeit in Ägypten. Vor dem Thoraschrank hing ein weißer Vorhang, auf dem der goldene Stern Davids leuchtete, geschmückt mit Edelsteinen in bunten Ornamenten. Wir saßen, weil der Raum so klein war, sogar in der letzten Reihe so dicht vor ihm, daß man sah, die Edelsteine waren nur Glas. Die Gebete waren rasch und beinahe flüchtig und dabei stark und männlich und nicht bittend, eher fordernd. Der ganze Gottesdienst war nur kurz und schnell alles vorbei, und dann standen alle auf und wünschten sich gute Feiertage, und die, die einander näher kannten, gaben sich einen Kuß.
Dann sind die, die eine Familie haben, nach Hause gefahren, und die, die niemanden haben, und ich auch sind in das Gemeindehaus gefahren, denn dort war eine Sedertafel für sie gedeckt. Das winzige Häuflein verteilte sich auf ein paar Autos, denn das Gemeindehaus ist in einer anderen Straße als die Synagoge, und als sie losfuhren in den kleinen wackligen Autos, da sah ich wirklich die verstreutesten unter den Verstreuten, die Juden unter den Juden. Wir fuhren über die Prenzlauer Allee über den Alexanderplatz. Der Alexanderplatz ist mir früher so schwer gewesen und stand mir immer als ein Hindernis im Weg, durch das ich mich durchkämpfen mußte, und meistens waren hier schon alle Wege verloren von all dem Rennen und Warten und Weitergehen und Treppen hinauf und Treppen hinab, da war alle meine Kraft schon verbraucht. Aber seltsam, an diesem Tage, als ich mitten in dem versprengten Häuflein hinüberklapperte, da wurde mir dieser Platz so leicht, sogar lächerlich, denn wir mußten gar nicht hindurch durch ihn, er öffnete sich vor uns wie das Rote Meer, und die ewig graue, verdunkelnde Wolkensäule schüttete ihren Regen aus, und als wir uns umsahen, da stürrnte es und tobte es, und der Alexanderplatz blieb hinter uns und holte uns nicht mehr ein und versank in Nebel und Regen wie Pharaos Heer.
Als wir in der Oranienburger Straße ankamen, waren die Tische schon gedeckt, jeder suchte sich einen Platz, aber ich habe nicht gesucht und mich einfach irgendwohin gesetzt, an irgendeinen Tisch. Da saßen schon ein paar alte Frauen, mit denen unterhielt ich mich. Dann kam plötzlich jemand dazu, ich nahm es zuerst nur so neben dem Gespräch war, aber ich spürte etwas Strahlendes, Großes, Schönes, Schwarzes, Aufrechtes, und ich mußte aufhören zu sprechen und mußte hinsehen, denn das mochte vielleicht die Prinzessin Sabbath sein. Und da sprach mich die Prinzessin Sabbath an: Guten Tag, Babu. Sie kannte mich, und da erkannte ich sie auch. Es war Daisy, ich war mit ihr zusammen in der Schule gewesen, sie ein paar Klassen höher. Ich hatte sie immer bewundert, weil sie so schön war, aber wir hatten in der ganzen Schulzeit nur ein paarmal auf dem Hof zusammengestanden, und seitdem hatte ich sie nicht mehr gesehen, nur manchmal etwas über sie gehört. Nun war sie wieder da und setzte sich neben mich und blieb den ganzen Abend neben mir sitzen, und wir schwatzten unaufhörlich, und keiner ermahnte uns. Da saßen wir im Hinterhof parterre, in einem »Kulturraum« der Jüdischen Gemeinde, und die vorgeschriebene Frage wurde gestellt: Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten? Und dann fing die Erzählung, die lange Haggada fing an, der Kantor sang das lange Lied von der Knechtschaft in Ägypten, und wir lasen den Text in einem buntbebilderten Buch, das jeder zuvor auf seinem Platz gefunden hatte. Vierhundertdreißig elende Knechtsjahre. Ich habe mit den anderen ein hartes Ei in Salzwasser getaucht und Bitterkraut und ungesäuertes Brot gegessen und den Wein getrunken, vier Becher, nicht mehr und nicht weniger. Der Wein kam aus Israel und die Mazza aus Budapest und die Bücher, die wir in der Hand hielten, aus Basel und der Kantor, der uns vorsang, aus Westberlin. Und woher würde Elias kommen, für den wir die Tür offenstehen gelassen hatten? Und wird er kommen? Aber ich wußte irgendwie schon, daß er nicht kommen wird. Ich hatte es mir schon so oft überlegt, Elias oder Messias oder Gott – von denen kann sich keiner mehr hier blicken lassen.
Dann, irgendwo in der Mitte der großen Erzählung, kam das Essen. Ein großes, üppiges Essen, als ob man vorher wirklich nur immer Sand im Mund gehabt hätte. Das Essen kam aus der Küche nebenan und wurde durch ein kleines Fenster gereicht, man mußte sich davor anstellen, wie in einer Betriebskantine, und in der Schlange wurde gedrängelt.
Als erster bekam der Kantor sein Essen, und ich sah zu ihm und sah, die Anstrengung von dem langen würdevollen Singen mußte sehr groß gewesen sein. Oder was war es sonst, daß er sein Essen wie gejagt, so heißhungrig herunterschlang, mit dem Kopf fast im Teller und mit ängstlichem Blick nach rechts und nach links. Er saß jetzt ganz allein an dem langen Tisch, der inzwischen schon ziemlich ramponiert aussah, der kleine alte polnische Abraham Süß, der nach allem, was er erlebt hat, vielleicht lieber »Bitter« heißen möchte. Ich mußte wegsehen.
Dann aßen wir alle, und es wurde einem ganz heiß dabei, und alle redeten und unterhielten sich, die meisten sprachen davon, wie es früher war, und wurden traurig. Die alten Frauen an meinem Tisch wollten ein Foto von meinem Sohn sehen, und ich zeigte es ihnen, und sie bewunderten meinen Sohn und wurden ganz fröhlich. Und wieder traurig. Dann waren alle satt von dem vielen Essen und von dem schweren Wein müde, und es war auch schon spät, durch das Fenster sah man auf den dunklen Hof hinaus, und man sah ein kleines Lämpchen an der Feuerleiter leuchten, einen schwachen Stern Davids an einer rostigen Himmelsleiter.
Abraham Süß fing wieder zu singen an. Der zweite Teil hat die großen Gebete und manches Lied, und die Erzählung war noch lang, aber langsam ging sie doch zu Ende, und dann kam die Stelle, die mit großen Buchstaben geschrieben steht:
Das kommende Jahr in Jerusalem!
Damit hörte es auf und der Abend war zu Ende, wir standen auf und verabschiedeten uns, und eine von den alten Frauen hat mich in ihrem alten Auto durch die dunkle Stadt nach Hause gebracht.
Einmal hatte ich einen Traum. Da war ich mit all den anderen in Auschwitz. Und in dem Traum dachte ich: Endlich habe ich meinen Platz im Leben gefunden.
Aber jetzt dachte ich an den schwachen Stern und an die rostige Himmelsleiter.
(aus: Roman von einem Kinde, Frankfurt a. M., 1989)

Ein Rezept
Mazzes-Klößchen
200 g Mazzes (zerkrümmelt), 5 Eier, 50 g Olivenöl, Salz
Die Eier mit Öl, einem Glas (kalten) Wasser und Mazzes verrühren. Aus der entstandenen Masse mit der Hand kleine Kugeln formen und in kochendes Salzwasser geben. Wieder zum Sieden bringen und noch etwa 10 Minuten kochen lassen.
Mazzes-Klößchen sind eine traditionelle Beigabe zu den am Sederabend gereichten Suppen.

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